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Kann China ein Land der Entdecker und Erfinder werden?

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Kann China ein Land der Ent­de­cker und Er­fin­der werden?

In der NZZ vom 14.06.2019 steht im höchst interessanten Interview mit dem 22-jährigen Herrn Sam Ginn über „selbstlernende Algorithmen“ der Hinweis „China ist noch nicht so stark in der Entwicklung neuer Ideen, dafür um so stärker in der Umsetzung bestehender Innovationen. Dafür machen sie auch mächtig viel Geld locker“. Bei uns hat es sich inzwischen herumgesprochen, dass China im grossen Umfang Erfindungen und Entdeckungen, die in den USA, Europa und anderswo ausserhalb Chinas entwickelt wurden, oft unter Ausübung massiven Drucks auf die Inhaber der Eigentumsrechte, deren neue Entwicklungen übernahm und dann erfolgreich massenweise umsetzte. Die gegenwärtige, autoritäre Führung des Landes unter Präsident Xi Jinping will China zu einem Land der Erfindungen und Entdeckungen machen. Die Frage stellt sich, ob das unter den heutigen Bedingungen möglich ist.

China steht unter der Alleinherrschaft der Kommunistischen Partei (es gibt pro forma noch acht kleine Parteien, die sogar im Volkskongress vertreten sind). Die Mitglieder der Führung müssen einen Schwur auf absolute Geheimhaltung ablegen. Ein umfassendes System zur Kontrolle jedes Individuums ist im Aufbau. Sollte es sich in den Testgebieten bewähren, soll es auf alle 1.4 Milliarden Einwohner des Landes ausgeweitet werden. Es basiert auf den sich rasch weiter entwickelnden Fähigkeiten der Computer und Software, wie z.B. Gesichtserkennung, Algorithmen bis hin zur künstlichen Intelligenz. Im gegenwärtigen politischen System Chinas sind keine kontroversen Debatten zu grossen politischen, gesellschaftlichen und den damit zusammenhängende Fragen zugelassen. Seit einigen Jahren sind Verfasser von Artikeln sogar einer Vorzensur unterworfen. Titel und sämtliche vorgesehene Gedanken und Argumente sind ihr vorzulegen. Erst dann kann z.B. ein Artikel geschrieben werden. Er wird dann nochmals der Zensur vorgelegt, die entscheidet, ob er veröffentlicht wird oder nicht. Aber das ist noch keine Garantie; ein bewilligter Artikel kann noch am Tag der Veröffentlich von einer höheren Parteistelle verboten werden.

Da sich die Lebensumstände in diesem bis vor kurzem bitterarmen Land so verbessert haben und weiter verbessern, akzeptieren die Menschen, dass sie nichts zu sagen haben und konzentrieren sich auf ihren weiteren beruflichen und materiellen Aufstieg. Möglicherweise wegen der Aussichtslosigkeit eines Wandels innert nützlicher Zeit, traf der Verfasser im modernen Teil der Gesellschaft während seiner vielen Chinaaufenthalte und bei Reisen im Land nur Chinesen oder Chine-sinnen, die nach Europa oder in die USA auswandern wollten. Und können sie nicht selber auswandern, so bereiten sie wenn finanziell möglich ihre Kinder auf das spätere Auswandern vor.

Wir dürfen das Land aber nicht an unseren Massstäben messen, sondern sollten ein gewisses Verständnis für die besonderen Umstände aufbringen, vor allem die enorme Masse an Menschen und im Osten des Landes deren extreme Dichte. Es gibt einen nationalen Konsens, auch bei den Menschen in innerlicher Opposition: China darf nie mehr das Opfer fremder Mächte werden, wie es das während rund 100 Jahren bis 1949 war, und deshalb unterstützen alle eine sehr starke Armee. Es darf nie mehr wegen innerer Unruhen schwach werden und zerbrechen. Jährlich finden im Land gegen 200‘000 Demonstrationen aus den unterschiedlichsten Gründen statt. Wegen der Bevölkerungsdichte umfassen sie sehr schnell tausende von Menschen. Die Regierung darf keinesfalls zulassen, dass Demonstrationen bei Fragen, die viele Menschen beschäftigen, ausser Kontrolle geraten. Das Niveau der Bildung und der Weltsicht der Chinesen im modernen Teil des Landes ist hoch. Leider ging die Führung nicht auf die in dieser grossen Gruppe schlummernde Erwartung ein, das System unter Berücksichtigung des oben genannten gigantischen Umfeldes mehr auf Mitsprache der Bürger auszurichten. Im Gegenteil, es wurde in den letzten Jahren noch autoritärer und geht seither immer weiter in Richtung totaler Kontrolle jedes einzelnen Menschen.

Sehr oft sind Erfinder, Entdecker, Erneuerer unangepasst, sind Querköpfe, Aussteiger, anti-autoritär, unkonventionell, gehen ihren eigenen Weg und vor allem, sie haben ihre eigenen Gedanken. Sie müssen sich frei vernetzen und mit anderen Menschen austauschen und Gedanken äussern können, auch solche, die andere „verrückt“ finden. Auch weltweit völlig frei kommunizieren zu können gehört dazu, irgendein Buch zu lesen, irgend ein Kommunikationssystem benützen zu dürfen. Das ist in China nicht möglich. Westliche Anbieter im Internet sind nicht zugelassen. Als die gegenwärtige Regierung an die Macht kam, erliess sie eine Weisung, wonach die Universitäten und Schulen alle ihre westlichen Bücher entsorgen müssten. (Wieweit das von den doch sehr vielen weltoffenen, chinesischen leitenden Akademikern umgesetzt wurde, entzieht sich der Kenntnis des Verfassers). Die Frage ist offen, ob das auch für die Werke von Karl Marx gilt, auf den sich die chinesische Verfassung in der Präambel bezieht. (Der Verfasser stellte die Frage in einem nicht veröffentlichten Artikel).

Bis 2018 hat China keine Nobelpreisträger in den Wissenschaften Physik, Chemie, Physiologie oder Medizin, ausser einer chinesischen Ärztin, die 2015 eine halben Medizinnobelpreis gewann. . Es gibt zwar chinesische Nobelpreisträger in diesen Disziplinen, aber die erhielten ihn als Wissenschaftler an US Universitäten oder in Hongkong. Der regionale Konkurrent Japan hat dagegen eine ganze Reihe von Nobelpreisträgern. Der Hürdenlauf, den potentielle chinesische Erfinder oder Entdecker machen müssen, enthält zusätzlich zum politischen Umfeld viele weitere sehr hohe Hindernisse. Seit der Reform ist Konfuzius wieder hoch im Kurs. Er vermittelt ein autoritäres Menschenbild. Der Staat und seine Beamten bestimmen über die Menschen, der Mann über die Frau, der Vater über die Kinder. In den Familien, Verwaltung, in der Wirtschaft, an Schulen und Universitäten herrscht deshalb ein autoritäres Beziehungssystem. Dazu kommt noch der extrem ausgeprägte Anspruch des Einzelnen auf Wahrung des Gesichts.

So sitzen an den meisten Universitäten und Schulen die Studenten ohne je eine Reaktion zu zeigen, ohne je einen Kommentar abzugeben oder eine Frage zu stellen. Ein Lehrperson verliert das Gesicht, wenn ein Kind, ein Student etwas nicht verstan-den hätte und nachfragen würde.

Studenten schreiben auf, was ihnen die Lehrperson sagt - oder eine Stunde lang aus einem Lehrbuch vorliest (wie der Verfasser bei Besuchen an Universitäten immer wieder sah) - und lernen das dann im Hinblick auf die Prüfungen auswendig, da das abgefragt wird. So geht es auch in den Firmen und erst recht in der Verwaltung zu. An Sitzungen spricht der Leiter. Man darf ihn zustimmend unterstützen, aber es ist undenkbar, Fragen zu stellen und erst recht, Vorschläge zu machen, wie etwas anders gemacht werden könnte und erst recht ist es völlig ausgeschlossen auf einen offensichtlichen Irrtum hinzuweisen. Eine Person im Bekanntenkreis des Verfassers bat den Vorsitzenden an einer wichtigen Betriebssitzung um die Erklärung eines Punktes, den sie nicht verstanden hatte. Nach der Sitzung wurde sie von den anderen Sitzungsteilnehmern mit Vorwürfen wegen ihres fehlenden Anstandes und der Beleidigung des Vorgesetzten überschüttet.

Es gibt keine Erfindungen und Entdeckungen, die immer gelingen. Eine Gesellschaft muss Fehler, Irrtümer, Misserfolge akzeptieren, ohne denjenigen auszugrenzen, der solche Misserfolge erleidet. Auch wenn gesellschaftliche Wertvorstellungen, der Status, oder akademische Titel, oder erhaltene Preise und Kleidervorschriften, auch Umgangsformen überbewertet werden, hat manches Genie keine Chance. Hätten Studienabbrecher, „drop-outs“ wie Bill Gates, Steve Job, Zuckerberg in China mit ihren im jungen Alter entwickelten Ideen, oder Einstein, der Beamte 3. Klasse im Schweizer Patentbüro dort Anerkennung finden können? Fraglich.

Im heutigen China gibt es Millionen von Menschen, die in Europa und vor allem in den USA studiert und gearbeitet haben. Viele bringen westliche Vorstellungen zu den hier gestellten Fragen mit und versuchen da und dort, im Bildungssektor und der Wirtschaft moderne Verhalten einzuführen. Der Dekan an einer chinesischen Universität, der 10 Jahre an einer kalifornischen Universität unterrichtet hatte bevor nach Hause zurückkehrte, meinte dem Verfasser gegenüber, er betrachte das hier genannte Problem als eines der grössten in Chinas Bildungssystem. Deshalb lege er das Schwergewicht seiner Tätigkeit auf das Schaffen einer Unterrichts- und Lernkultur, wie sie im Westen üblich ist. Aber das sei in einem sehr grossen Land mit derart stark verwurzelten Umgangsformen ein langer Prozess.


Kommentare von Lesern zum Artikel

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33%
(6 Stimmen)
Giorgio Plaz sagte Vor 20 Tagen

Zitat: "Dafür machen sie auch mächtig viel Geld locker".

Interessa​nt. Woher kommt das Geld, das die chinesische Regierung "locker macht" eigentlich?

Könnte​n 'wir' das denn auch tun, oder nicht?


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33%
(6 Stimmen)
jürg wolfensperger sagte June 2019

Nein,China wird nicht so schnell ein Entdecker-Land werden und auch die technischen Fortschritte werden sie sich bis auf weiteres über die westlichen Konzerne,die in China Fabriken erröffnet haben begrenzen.Es ist kaum zufällig,dass China zwar immer wieder betont,das National-China (Formosa) ein Teil Chinas sei,sich jedoch kaum in die inneren Angelegenheiten dieses demokratischen und recht freien Teil"Chinas" einmischt.Daselebe ist bei Hongkong zu beobachten.Es sind nämlich genau die unabhängigen und freien chinesischen Gebiete,die den viel höheren Lebensstandart geniessen,und auch in Sachen Innovation viel,viel fortgeschrittener sind im Vergleich zu Festland-China.Folger​ichtig haben diese Gebiete,mit Japan zusammen,auch die meisten Unternehmungen und Produktions-Betriebe in China selbst aufgebaut und für Arbeitsplätze gesorgt.Beginnt das Peking-Regime diese "freien" Gebiete zu "drangsalieren" werden sie also am eigenen Ast sägen,auf dem sie selbst sitzen!
Eine gewisse "Hilflosigkeit" ist also durchaus festzustellen,gegenüb​er diesen autonomen chinesischen Gebieten.Noch sind sie intelligent genug,um es auf weiteres bei diesem Status Quo zu belassen.
Ob das auch in Zukunft so sein wird,steht in den Sternen.
Es beweist jedoch,dass Fortschritt auf die Dauer nur bei freier Rede und politischer Toleranz erblühen kann.


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38%
(8 Stimmen)
jan eberhart sagte June 2019

Unter Mao war China ein Art willkomene Konkurenz Zu Moskaus Machthunger und Ambitionen.

Nach Mao war China das gelobte Land, wo man noch sich stark entwicklen kann.

Inzwischen ist China zu stark und will auch eigene Hochtechnologie und nicht nur Billgwaren für die Welt produzieren.

Das gefährdet das Machtmonopol des aktuellen Hegemon USA.


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40%
(10 Stimmen)
Werner Nabulon sagte June 2019

Seit ich die Schulbank gerückt habe, ist China vom Kommunisten Einheitsstaat in dem die Menschen zu wenig essen hatten, hungerten, anders geworden.

Und zwar sehr viel mehr anders, als man es sich je hätte vorstellen können. Ob sie alles geklaut oder kopiert haben? Fakt ist, "der Westen" hat alles getan, mit diesem Milliarden Riesen an Menschen (Markt) Einigungen zu finden.
In der langen Vergangenheit waren die Chinesen sehr innovativ, haben Sachen gehabt, die man in Europa noch gar nicht kannte. USA gab es damals noch nicht, man darf sagen, die Chinesen waren Intelligenter als Europa.
Aber auch dem Volk gegenüber skrupellos, Menschenleben Zählen nicht, der Erfolg als ganzes Zählt...Auf alle Fälle sind sie mehr noch wie die Russen, ein ernst zu nehmendes Wirtschaftsland, die Russen ebenso...USA und Europa? Da tun sich Fragen auf..


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44%
(9 Stimmen)
jan eberhart sagte June 2019

Die Römer waren erfolgreich nicht weil sie gute Erfinder waren, sondern gute Sachen bei anderen entdeckten und perfektionierten.

​Mit ihrer Berufsarmee waren sie über Jahrhunderte besser als die zerstrittenen Barbaren mit ihren Amateurkriegern (divide et impera).

Die Kelten hatten nie ein Gemeinschaftsgefühl geschaffen und waren leichte Beute der Römer.

Die Deutschen waren im 1. und 2. Weltkrieg sehr innovativ, trotzdem hatten sie gegen die Amerikaner mit ihrer Wirtschaftsmacht keine Chance. Wenn Speer 10 Panzer gebaut hat, hatten die Amerikaner das mehrfache davon gebaut.

Das Manhattan- und Apollo-Projekt waren erfolgreich, weil Geld keine Rolle spielte und jeder Wissenschaftler herangezogen wurde, der verfügbar war. Selbst ein Wernherr von Braun war da willkommen mit seinen V2-Raketen. Heute fehlt der Ehrgeiz dazu und der Wille.

Da kann die Konkurenz USA-China nützlich sein.

Manchmal hilft auch die bessere Militärtechnologie nichts (Korea-Krieg, Vietnam-Kreg oder heute Jemen und Afghanistan). Iran hat vielleicht nicht die Militärtechnologie der Amerikaner, dafür viele treue Milizen in verschiedenen Ländern (Huthi, Hisbollah, Syrien, Irak,...). Die Taliban konne auch ohne Luftüberlegenheit und ohne teues Gerät den Amerikanern/NATO Paroli bieten, selbst als die US-Soldaten ihr Maximum erreicht hatten.


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